Zwei Generationen, ein Herzensthema: Zwei Frauen sprechen ehrlich über Care-Arbeit
Was sie uns abverlangt – und was sie zurückgibt
Diesen Post habe ich zusammen mit der wunderbaren Carolyn aus England geschrieben. Uns beide verbindet unsere Erfahrungen beim Thema Care-Arbeit und die Liebe zum Schreiben.
Es war ein wahrhaftes Abenteuer, zu dem ich mich gerne aufgemacht habe.
Ich habe 60 % meines Lebens als Caregiver verbracht. Aber war es das wert?
Hallo, ich bin Carolyn aus dem ländlichen Leicestershire in England. Ich betrachte das Leben gerne durch eine neugierige Linse – auf Lightbulbs & Life Lessons. Menschen haben mich schon immer fasziniert, und ein Großteil meines Lebens war damit verbracht, das Leben anderer zu bereichern. Ich bin Anfang sechzig, kreativ und liebe es, Wege zu entdecken, meine Gedanken auszudrücken und die Welt um mich herum wertzuschätzen.
Als Judith und ich darüber nachdachten, einen Post über “die Auswirkungen von Care-Arbeit” zu schreiben, musste ich sofort an meine beruflichen Erfahrungen als Caregiver1 denken.
Meine ersten bezahlten Care-Jobs hatte ich als Physiotherapeutin in verschiedenen Krankenhäusern des britischen NHS. Später arbeitete ich als selbstständige Betreuungsfachkraft für Familien, die von einer Demenzdiagnose betroffen waren. Dazu kamen mehrere ehrenamtliche Tätigkeiten – als ehrenamtliche Unterstützerin für Menschen mit Lernbehinderungen, für Trauernde zuhause und in Grundschulen, wo ich mit Kindern arbeitete, die Schwierigkeiten beim Lesen hatten. Man könnte sagen: Care-Arbeit war immer ein Teil meines Erwachsenenlebens.
Diese Art von Fürsorge hat mir oft große Freude bereitet. Sie stillte ein inneres Bedürfnis, gebraucht, geschätzt und nützlich zu sein.
Bis vor sieben Jahren war ich außerdem eine chronische People Pleaserin2 – was vermutlich noch zu meinem Wunsch beitrug, mich um andere zu kümmern.
Auch wenn ich meine Arbeit mochte, fiel es mir manchmal schwer, die richtige Balance in meinen Beziehungen zu Patienten und Kolleginnen zu finden. Ich hatte kaum Verständnis für professionelle Grenzen und tat mich schwer, zu anderen in Beziehung zu treten, ohne dabei emotional zu sehr involviert zu sein.
Rückblickend sehe ich, dass das teilweise an Unwissen lag – über unterschiedliche Bindungsstile – und teilweise an meinem Bedürfnis, von allen gemocht zu werden. Niemand erklärte mir damals, dass das unpassend sein könnte. So fühlte ich mich manchmal verletzt oder zurückgewiesen, etwa wenn Kollegen distanziert wirkten, obwohl sie sich einfach nur professionell verhielten.
Trotzdem war die Arbeit sehr erfüllend. Ich liebte es, Teil eines Rehabilitationsprozesses zu sein – nach Krankheit, Unfall oder Operation. Besonders gerne arbeitete ich auf der Schlaganfallstation und in den prä- und postnatalen Bereichen. Die kontinuierliche Betreuung bedeutete damals, dass zwischen Therapeutin und Patientinnen ein großes Vertrauen entstehen konnte – und das tat beiden Seiten gut.
Seit 2011 durfte ich viele ältere, schwache Menschen und ihre Familien begleiten, oft über viele Jahre hinweg.
Wenn eine Klientin lächelt, während sie mir eine Lieblingsgeschichte erzählen, wenn sie mich im Scrabble besiegen oder wir gemeinsam Tomaten ernten, die wir im Frühjahr gepflanzt haben – das sind unvergessliche Momente. Mit den erwachsenen Kindern mehrerer Klienten, die inzwischen verstorben sind, bin ich unerwartet befreundet geblieben. So durfte ich in schweren Zeiten eine Zuhörerin sein – bei einem Kaffee, in den dunkelsten Monaten der Trauer.
Für mich sieht so ganzheitliche Care-Arbeit aus: für die ganze Familie da sein – bis zum Ende und darüber hinaus.
Ganz anders war meine Erfahrung als Caregiver in der eigenen Familie. Ich habe mich sowohl als Mutter als auch als Familienpflegerin um meine zwei Töchter gekümmert.
Meine ältere Tochter brauchte unermesslich viel zusätzliche Unterstützung. Ab dem Alter von neun Jahren verlor sie plötzlich grundlegende Alltagsfähigkeiten – und niemand wusste warum.
Acht Jahre lang durchlief sie jede Untersuchung, die man sich vorstellen kann (und einige, die man sich nicht vorstellen kann). Sie wurde ausgeschlossen, in eine Förderschule geschickt, die sie wieder heimgeschickt hat, und schließlich mit vierzehn Jahren in eine psychiatrische Jugendstation aufgenommen. Erst dann bekamen wir endlich eine Antwort: Sie ist Autistin – Asperger-Syndrom – was ihre herausfordernden und selbst schädigenden Verhaltensweisen erklärte. Der Stress in dieser Zeit war unvorstellbar und kaum zu bewältigen. Ich selbst landete wegen einer psychischen Krise zeitweise in einer psychiatrischen Klinik.
Nach der Diagnose dauerte es weitere drei Jahre, bis wir ihr Verhalten mit Medikamenten und geeigneten therapeutischen Interventionen stabilisieren konnten. Mehrere erfolglose Versuche später, sie in einer betreuten Wohnform unterzubringen, lebt sie heute – mit 41 – relativ stabil in einer spezialisierten Wohneinrichtung, in der man gut für sie sorgt.
Die Folgen für unsere Familie waren enorm. Kurz nach meinem Zusammenbruch zerbrach meine zwanzigjährige Ehe. Meine jüngere Tochter entwickelte als Reaktion auf die Traumata das Chronische Fatigue-Syndrom und hat heute keinen Kontakt mehr zu mir. Ich habe keine direkte Verbindung mehr zu meinen Kindern oder Enkelkindern.
Ja, das ist sehr traurig.
Ja, es tut immer noch weh. Sehr.
Ich brauchte viele Jahre, um all das zu verarbeiten.
Es gab viel Selbstreflexion und Selbstvergebung – dafür, dass ich nicht immer für meine Töchter da sein konnte, körperlich oder emotional. Wer ein Kind hat, das ständig Gefahr läuft, sich selbst oder andere zu verletzen, weiß, wie allumfassend das ist. Dieses Kind braucht alle Energie, alle Aufmerksamkeit – oft auf Kosten der Geschwister.
Es gab viel Wut über Momente, in denen das System oder andere uns im Stich ließen.
Es gab viele Tränen über all die verlorenen Familienmomente, die wir uns anders erhofft hatten.
Wenn du zwischen den Zeilen liest, hörst du den Schmerz, der bleibt. Mein Leben war instabil. Hart. Manchmal schrecklich. Und ich bin nur gerade so durchgekommen.
Aber ich habe gelernt: Das Leben bietet dir Möglichkeiten, Trauma zu verwandeln – wenn du bereit bist, den inneren Heilungsweg zu gehen.
Weil ich nun ein wenig verstehe, was andere durchgemacht haben oder gerade durchmachen, habe ich das Recht erlangt, darüber zu sprechen. Über die schwierigsten Zeiten. Um anderen zu helfen.
Warum?
Weil ich weiß, wie isolierend es ist, nicht zu wissen, an wen man sich wenden kann.
Und weil ich IMMER..
..EINE CAREGIVERIN SEIN WERDE ❤️
Hat sich etwas davon mit deinen eigenen Erfahrungen gedeckt? Ich würde gerne deine Gedanken und Geschichten hören.
—Carolyn
5 Lektionen aus 15 Jahren Care-Arbeit
Hallo, ich bin Judith von The Ocean Says Hi. Ich lebe mit meiner sechsköpfigen Familie in einem Dorf im Südwesten Deutschlands, umgeben von Weinbergen. Ich bin in meinen Vierzigern und Schreiben gehört schon immer zu meinem Leben, auch wenn ich seine kreative Seite erst vor Kurzem entdeckt habe. Ich liebe den ersten Kaffee am Morgen, lange Spaziergänge, tiefgehende Gespräche und – wie der Name meines Projekts verrät– das Meer.
“Remember, done is better than perfect.”, schrieb mir gestern Carolyn, als ich ihr von meinem Ringen mit diesem Post erzählt habe.
Für mich stand schon früh fest, dass ich einmal Kinder haben wollte. Ich war selbst noch ein Kind. Es gab Erwachsene in meinem Leben, die mich inspirierten. Die Kinder großgezogen hatten und daraus gestärkt hervorgegangen waren. Sich zu ihrem Vorteil verändert hatten.
Geerdet, gelassen, mit allen Wassern gewaschen – das wollte ich für mich.
Mein ältestes Kind ist letzte Woche 15 geworden. Mein jüngstes zieht frühestens in 13 Jahren aus. Man könnte sagen, ich stecke mittendrin, im Familienleben. Nicht mehr so tief, dass ich kaum Luft bekomme, aber doch noch bis zu den Ellenbogen. Irgendwo zwischen genug Abstand, um einen Blick zurückwerfen zu können und genug Nähe, um noch zu spüren, wie es ist.
Wenn ich zurückschaue, welchen Rat könnte ich geben?
“Ich habe gerade mein erstes Kind zur Welt gebracht. Es lief nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ein Kaiserschnitt. Auch mit dem Stillen klappt es nicht. Ich muss zufüttern. Ich halte mich an alles, was die Hebamme sagt, aber es funktioniert nicht. Ich fühle mich, wie eine Mutter zweiter Klasse.”
Julia, 28
Liebe Julia, du hast nichts falsch gemacht. Die Geschichten, die du über Geburten gehört hast, waren entweder erschreckend oder romantisiert. Stillen sah bei den Müttern in deiner Umgebung immer so selbstverständlich aus. Aber das ist es nicht. Dass beides nicht so läuft wie gewünscht, ist die Realität der meisten Eltern.
Du wirst gestärkt daraus hervorgehen. Auf dem Weg dahin, darfst du deine Idee von “richtig” und “falsch” ablegen.
“Meine Tochter (3) tut ständig seinem kleinen Bruder (6 Monate) weh. Ich kann die beiden nicht alleine lassen. Sie klettert sogar in den Laufstall, um ihn zu kneifen. Dabei nehme ich mir doch so viel Zeit für sie. Ich weiß ja, dass sie das besonders braucht, jetzt wo sie uns teilen muss.”
Johanna, 31
Liebe Johanna, das bedeutet nicht, dass du nicht genug gibst. Geschwister sind Rivalen und beste Freunde, fallen sich gegenseitig in den Rücken und verteidigen sich im nächsten Moment. Sie kämpfen um jede verfübare Ressource, egal wie viele es gibt. Es ist schwer zu ertragen, ich weiß.
Du wirst gestärkt daraus hervorgehen. Auf dem Weg dahin, darfst du die Idee davon ablegen, nur genug geben zu müssen, damit dann alle zufrieden sind.
“Ich saß gestern mit meinem Baby an der Brust auf der Toilette, während ich mein mittleres Kind am Ärmel festhielt, damit es nicht in die Scherben lief, die mein großes gerade verursacht hatte. Ich werde noch wahnsinnig. Kann man denn nicht mal in Ruhe das Notwendigste erledigen?!”
Jana, 33
Liebe Jana, es tut mir leid, aber ich muss lachen. Nicht, weil ich deine Verzweiflung nicht höre, sondern weil ich mich noch gut daran erinnern kann, wie das war. Es war der blanke Wahnsinn und von niemandem alleine zu schaffen. Der berühmte Spruch vom Dorf, das es braucht, Kinder großzuziehen ist so wahr. Dass du in solchen Situationen alleine bist, ist nicht artgerecht.
Du wirst gestärkt daraus hervorgehen. Auf dem Weg dahin darfst lernen, um Hilfe zu bitten und sie anzunehmen. Dass wir uns gegenseitig brauchen, ist menschlich. Dass du gerade mehr brauchst, als du zurückgeben kannst, auch. Das Blatt wird sich irgendwann wieder wenden, und dann wirst du mit großem Herzen geben können.
“Hier herrscht das absolute Chaos, obwohl es gefühlt mein einziger Job ist, aufzuräumen. Klamotten, Legosteine, Bügelperlen, Glitzer, Schnipsel, Kastanien, Stöcke, Spielzeugautos mit 3 Rädern. Obwohl ich den ganzen Tag dafür arbeite, fühle ich mich in meinem eigenen Zuhause nur ausnahmsweise wohl.”
Jen, 38
Liebe Jen, du scheinst jemand zu sein, der Ordnung nicht nur ganz nett findet, sondern braucht. Es ist nicht fair, dass deine Bemühungen scheinbar so rücksichtslos zunichte gemacht werden. Auch wenn du es dir noch nicht vorstellen kannst: Irgendwann wird es wieder anders sein. Könnte sein, dass du den Handabdruck auf dem Fenster dann sogar putzig findest.
Du wirst gestärkt daraus hervorgehen. Auf dem Weg dorthin darfst du wissen, dass du ein Recht auf ein Zuhause hast, in dem du dich wohlfühlst und dafür einstehen darfst. Du darfst Spielzeug in einer Kiste im Keller verschwinden lassen und Zimmertüren abschließen, um die Ordnung dahinter nur für dich zu reservieren.
Julia, Johanna, Jana und Jen. Sie alle sind ganz normale Eltern. Das weiß ich nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern aus den vielen ehrlichen Gesprächen, die ich mit ihnen hatte (Sie fangen übrigens nicht umsonst mit “J” an. In jeder von ihnen steckt ein Teil von mir).
Ich frage mich, was ich wohl in 25 Jahren rückblickend zu meinem heutigen Ich über die immer noch großen Herausforderungen des Familienlebens sagen werde.
Vielleicht: “Done is better than perfect.”
Hier sind meine 5 Lektionen:
Verabschiede dich von “Richtig” und “Falsch”.
Du musst und kannst nicht alle glücklich machen.
Um Hilfe zu bitten ist menschlich. Es gibt Phasen im Leben, in denen man mehr braucht, als man geben kann.
Du darfst und musst für dich selbst einstehen.
Done is better than perfect.
—Judith
PS: Schaut auch bei Carolyns “Lightbulbs & Life Lessons” vorbei. Sie schreibt ehrliche Beiträge über die Momente, in denen uns ein Licht aufgeht und wie diese unser Leben verändern können.
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Disclaimer
Was wir hier teilen, sind unsere eigenen Erfahrungen und Gedanken rund um Care-Arbeit und Familienleben. Sie sollen inspirieren und zum Nachdenken anregen, ersetzen aber keine professionelle Beratung. Wenn ihr euch in einer schwierigen Situation befindet, holt euch bitte Unterstützung bei Fachleuten.
Anmerkung von Judith: Ich habe Carolyns Post für sie übersetzt. Die Fußnoten habe ich ergänzt, um die Übersetzung verständlicher zu machen.
Care bedeutet wörtlich übersetzt Fürsorge. Es wird für Berufe im sozialen Bereich, für das Betreuen von Kindern und Pflegen von Angehörigen verwendet. Es lässt sich im Kontext dieses Posts nicht einheitlich übersetzen, weshalb ich entschieden habe, es beim Original zu belassen.
Eine People-Pleaser ist eine Person, die es allen recht machen will – oft aus Angst vor Ablehnung –, dabei aber ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen vernachlässigt








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