Es gibt eine unterschwellige Angst, die mitschwingt, wenn wir uns erlauben, unserem inneren Kompass zu folgen:
“Wenn jeder nur noch macht, was er will – dann können wir gleich einpacken!”
Es ist die Angst, dass alles den Bach runter geht, sobald jeder nur noch den Weg des geringsten Widerstands geht.
“Dann bleibt am Ende niemand mehr übrig, der das Schwierige, Langweilige oder Unbequeme übernimmt!”,
ist die unausgesprochene Befürchtung.
Möglicherweise unterläuft uns an dieser Stelle aber ein grundlegender Denkfehler. Möglicherweise hat “dem inneren Kompass zu folgen” nichts mit sofortiger Bedürfnisbefriedigung oder Egoismus zu tun.
Ich sitze mit meinem Mann und einer unserer Töchter bei einer Tasse Kaffee zusammen, als er nachdenklich feststellt:
“Unsere Freunde ziehen sich gerade etwas von uns zurück.”
Sie nickt und sagt:
“Ja, wir haben sie schon lange nicht mehr zu Besuch gehabt.”
Nach einer kurzen Pause antworte ich:
“Sie ziehen sich nicht von uns zurück, sondern wir uns von ihnen. Ich habe schon lange keine Einladung mehr ausgesprochen.”
Vor rund anderthalb Jahren habe ich angefangen, die Anzahl der von mir ausgesprochenen Einladungen drastisch zu reduzieren. Nicht, weil ich es nicht gesellig mag. Nicht, weil unsere Freunde plötzlich doof geworden wären. Nicht, weil ich plötzlich keine Lust mehr auf anregende Gespräche hätte.
Sondern, weil ich angefangen habe, auf mich selbst zu hören und etwas in mir wusste, dass die letzten Jahre zu laut, zu voll und zu viel gewesen war. Und obwohl ich es vermisste, Gäste um unseren Tisch zu haben und es mir fehlte, woanders zu Gast sein zu dürfen, war es der wahrste Schritt, den ich gehen konnte.
Ich schaue auf meine halbleere Tasse Kaffee und ergänze:
“Ich kann die Verantwortung für Treffen bei uns nicht mehr alleine tragen.”
“Wir könnten doch das Putzen übernehmen!”,
überlegt meine Tochter und bezieht gleich ihre Geschwister mit ein.
Mein Mann ergänzt:
“Und ich das Kochen. Aber vielleicht könntest du das mit der Organisation weiterhin übernehmen,”
ergänzt er charmant, wie er ist, in meine Richtung,
“Das kannst du einfach am besten.”
Viele Systeme funktionieren nur deshalb, weil einzelne Menschen dauerhaft Rollen übernehmen, gegen die sie sich innerlich sträuben.
Wenn diese Menschen damit aufhören, wirkt das zunächst wie Verlust.
Ich dachte, wenn ich mich nach meiner inneren Wahrheit richte, geht zwangsläufig etwas Wichtiges verloren. Aber unser soziales Leben hat sich nicht aufgelöst. Es hat sich nur eine Ruhepause gegönnt.
Die Welt fällt nicht auseinander, wenn Menschen aufhören, gegen sich selbst zu leben. Im Gegenteil.
Auseinander fällt oft nur das, was vorher künstlich zusammengehalten wurde.
Was hat sich verändert, seit du angefangen hast, ehrlicher mit deinen Grenzen zu werden?


