3 Fragen, die dein wahres Selbst wachkitzeln
Wir sind ziemlich gut darin, andere zufrieden zu machen. Nur leider geht das oft auf unsere Kosten.
Situation 1
Du sitzt im leeren Wartezimmer und ein hereinkommender Mitpatient fragt dich, ob der Stuhl neben dir noch frei ist. Dein Blick fällt verwundert auf die zahlreichen anderen leeren Stühle. Du nickst, rückst ein bisschen ab und fühlst Hitze in deinen Kopf steigen.
Situation 2
Du hast deine Jacke schon an, deine Tasche im Arm und willst das Büro gerade verlassen, als eine Kollegin dich fragt, ob du ihr noch schnell eine Mail weiterleiten kannst. Du rollst innerlich die Augen, hörst dich aber “Kein Problem!” sagen und läufst pflichtbewusst zurück zu deinem Arbeitsplatz.
Situation 3
Eine andere Mutter ruft dich zum wiederholten Mal von ihrem Auto aus an und fragt, ob du ihr Kind mit von der KiTa abholen und noch eine halbe Stunde mit nach Hause nehmen kannst. Wegen ihres blöden Chefs sei sie mal wieder spät dran. Du presst die Zähne aufeinander, sagst fremdgesteuert ja und siehst deine Nachmittagspläne vor deinem inneren Auge in sich zusammenfallen.
Das Problem ist nicht der Patient auf dem Stuhl neben dir, deine Kollegin oder die Freundin mit dem blöden Chef. Das Problem ist, dass du auf deine Kosten etwas tust, um anderen zu gefallen.
So hast du es gelernt. So hat man es dir beigebracht. So hat es lange funktioniert. Aber jetzt bist du an einem Punkt, an dem du spürst, dass du so nicht mehr weitermachen willst.
Dein soziales Selbst
Es gibt keinen Zweifel daran, dass es gut ist, “Bitte”, “Danke” und “Entschuldigung” zu sagen, dem Nächsten die Türe aufzuhalten und der alten Dame den eigenen Sitzplatz im Bus anzubieten. Wir sind soziale Wesen und ein wichtiger Teil unserer Entwicklungsaufgabe ist es, zu lernen, etwas für andere zu tun, auch wenn es uns etwas kostet.
Dafür sorgt dein soziales Selbst – der Teil von dir, der weiß, was deine Kultur und deine Umgebung schätzt und gelernt hat, dies ebenfalls zu schätzen. Der Teil, der weiß, wann man lacht, wann man schweigt und wie man zuhört. Der seinen Lebenslauf optimiert und die richtige Kleidung für das richtige Meeting wählt. Der pünktlich erscheint und weiß, was man in welcher Situation von dir erwartet.
Dieser Teil ist nicht dein Feind. Er hat dich durch die Schule gebracht, durch Vorstellungsgespräche, durch schwierige Familienfeste.
Jedoch hat Anpassung ihre Grenzen. Lob für Funktionieren reicht irgendwann nicht mehr aus. Belohnung von Leistung ebenso nicht. Dauerhafte Fremdsteuerung macht krank und Selbstverrat führt zu Erschöpfung.
Dein wahres Selbst
Es gibt da diesen Teil in dir, den du vergessen hast, ja, von dem du vielleicht gar nicht mehr wusstest, dass es ihn gibt — dein wahres Selbst.
Woher ich das weiß? Weil du diesen Post geöffnet und bis hierher gelesen hast.
Dein wahres Selbst ist diese ursprüngliche Version von dir, mit der du auf diesen Planeten kamst. Die von sich aus, ohne Anleitung von außen schon damals wusste, was sie interessant oder langweilig findet, welche Tätigkeit ihr ohne rationalen Grund Freude bereitet, welches Essen sie mag und in welcher Kleidung sie sich am wohlsten fühlt.
Ich habe das an meinen Kindern gesehen und ich sehe das, wenn ich an das Kind zurückdenke, das ich einmal war: So wusste meine Tochter zwischen ihrem vierten und sechsten Geburtstag, dass ein Pailletten-Rock und Strumpfhosen das einzig denkbare Outfit für sie ist. So wusste mein Sohn, dass er kein Instrument lernen möchte, obwohl er das Zeug dazu gehabt hätte. Und so war für mich als Grundschulkind das größte Glück auf der Terrasse in der Sonne zu sitzen, Hörspiele zu hören und dabei Bilder von Landschaften zu malen.
Dein wahres Selbst fühlen
Deine Aufgabe ist es jetzt, diesen Teil von dir, dein wahres Selbst wieder zu entdecken. Für einen Moment wirst du gleich alles, was du über gutes Benehmen, über goldene Sternchen auf deinem Aufgabenblatt, einen perfekten Eintrag im Lebenslauf und den korrekten Kleidungsstil im Büro gelernt hast, vergessen.
(Keine Sorge, nachdem du die Fragen beantwortet hast, darf dein soziales Selbst wieder mitreden).
Nimm dir ein paar Minuten Zeit, die folgenden Fragen zu beantworten. Beobachte, wie du dich fühlst und wie sich dein Gefühl beim Nachsinnen verändert.
Was hast du als Kind in den unendlich lang scheinenden Sommerferien getan, bei dem du völlig die Zeit vergessen hast?
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Wenn du nur ein einziges Outfit in deinen Koffer für die berühmte einsame Insel einpacken dürftest, welches wäre es?
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Im Zusammensein mit welchen Menschen lachst du Tränen? Worüber redet ihr?
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Gratulation, du hast gerade Kontakt zu deinem ursprünglichen, wahren Selbst aufgenommen. Das war mutig und ein wichtiger Schritt!
Wie fühlst du dich jetzt?
Leicht | Wach | Sehnsüchtig | Wehmütig | Überrascht | Lebendig | Warm | Befreit | Gesehen | ...
Verinnerliche dieses Gefühl und beobachte in der kommenden Woche, wann es wieder auftritt. Dann grüßt dich dein wahres Selbst.
Du bist nicht kaputt. Du hast nur zu lange auf fremde Stimmen gehört.
Ach ja: dein soziales Selbst darf jetzt zurückkommen und wieder seine Aufgabe übernehmen, dich dorthin zu navigieren, wo dein wahres Selbst sein möchte (dazu bald mehr).
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Judith lebt mit ihrer sechsköpfigen Familie in Rheinhessen, einer der sonnigeren Regionen Deutschlands. Sie freut sich, dass die Weinreben, die sie auf ihren täglichen Spaziergängen sieht, endlich wieder grün tragen.
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