Wie man aus allem ein To-do macht (nicht zu empfehlen)
Über Erwartungen, gute Ideen und die Dinge, die uns nähren
Ich gehe fast täglich spazieren.
Ich habe das Gehen an der frischen Luft für mich entdeckt, als meine Kinder noch klein waren und im Kinderwagen am besten schliefen. Was als Mittel zum Zweck begann, wurde – je öfter ich es tat und je größer meine Runden wurden – zu einer willkommenen Auszeit.
Denn so groß das Chaos im Kopf beim Loslaufen auch ist und so wenig ich glaube, dass es heute wieder so sein wird, so zuverlässig löst sich das Gedankenknäuel. Mit jedem Schritt ein bisschen mehr.
Und dann passiert noch etwas, das mir kürzlich fast zum Verhängnis geworden wäre:
Es kommen mir richtig gute Ideen.
Kleinigkeiten, wie eine erste Zeile für meinen nächsten Artikel, einen guten Satz, den ich meiner Freundin auf ihre Sprachnachricht von gestern antworten oder die Idee, was ich mir zum Geburtstag wünschen könnte.
Und, Meilensteine wie, dass The Ocean Says Hi kein T-Shirt-Shop, sondern ein Substack-Newsletter werden würde.
Aha,
stellte die Neugier in mir also kürzlich fest:
“Welch interessante Entdeckung!
Da gibt es also etwas, das ich ohnehin tue, das mir gut tut – und das auch noch diesen netten Nebeneffekt hat!”
Das rüttelte die Strategin in mir wach:
“Wenn ich nach draußen gehe, könnte ich mir das also auch noch anderweitig zu Nutze machen!”
Alsbald schickte sie mich immer mit einem Auftrag im Gepäck nach draußen: Die nächste beste Idee mit nach Hause bringen.
Ich kann es ihr nicht verübeln.
Ein cleverer Schachzug.
Es schien zunächst harmlos.
Bis aus der Beobachtung eine Erwartung wurde.
Zunächst fühlte es sich an, wie ein leiser Seufzer.
Dann wie Druck auf Ohren unter Wasser.
Und zuletzt wie dieses Telefonat von dem man weiß, dass es unangenehm wird.
Der Spaziergang wurde von etwas zweckfreien zu etwas, das ein Ergebnis bringen sollte.
Nicht das Gehen hatte sich verändert. Nicht die Strecke. Nicht die frische Luft.
Nur meine Erwartung.
Wir hatten dann vor ein paar Tagen ein gutes Gespräch, meine Strategin und ich. Ich habe mich zu ihr gesetzt wie zu einem meiner Kinder: Starker Rücken. Offenes Herz.
Ich habe ihr erklärt, dass ihre Entdeckung großartig ist.
Und bestätigt, “richtig: Oft finden uns in Zeiten der Muße die besten Einfälle.”
“Aber”, so erklärte ich weiter,
“in dem Moment, in dem wir anfangen, etwas zu erwarten, verändert sich unsere Beziehung zu den Dingen.”
Wir zerstören manchmal genau die Dinge, die uns nähren, indem wir sie instrumentalisieren.
Und dann geht genau das verloren, was sie uns zu geben haben.
Es passiert, wenn wir nur noch lesen, um zu lernen.
Es passiert, wenn wir Journalen, nur um danach besser zu schreiben.
Es passiert, wenn wir mit unseren Kindern spielen, nur um sie etwas zu lehren.
Es passiert, wenn wir Sport machen, nur um besser auszusehen.
Wie merkst du, dass du etwas nur noch “um zu” tust?
Ich gehe dann jetzt mal nach draußen.
Nur um spazieren zu gehen.


