Es gab eine Zeit in meinem Leben, nicht allzu lange her, da trug ich die heimliche Überzeugung in mir, dass ich nur genug getan hatte, wenn ich abends völlig erledigt auf dem Sofa lag. Und zwar so, dass es schier unmöglich schien, mir auch nur ein Glas Wasser zu holen oder auf Toilette zu gehen.
Ironischerweise war das genau die Zeit, als es einfacher wurde. Meine Kinder waren älter geworden, die meisten konnten sich eigenständig anziehen, selbst etwas zu essen machen und schliefen ohne meine unmittelbare Anwesenheit ein.
Abends war mehr als nur meine leere Hülle übrig. Es gab dieses kleine Flämmchen an Energie.
Und da tauchte in meinem Hinterkopf eine Frage auf, die diesen entstandenen Raum einnehmen wollte:
Wenn ich nicht am Rand der Erschöpfung bin, habe ich dann überhaupt genug getan?
Und erst in dieser extremen Situation konnte ich die Absurdität meines Glaubenssatzes erkennen: Ich hatte “genug tun” mit “genug sein” gekoppelt.
Letzte Woche dann, wurde ich am Freitagnachmittag Zeugin eines wunderbaren Spektakels, das mir half, das Tun und das Sein wieder ein Stück mehr voneinander zu entkoppeln.
Ort des Geschehens: Ein Zirkuszelt
Hauptdarsteller: 80 aufgeregte Grundschulkinder
Nebendarsteller: Die stolze Verwandtschaft auf den Rängen
Ich sitze zwischen Eltern, Geschwistern und Großeltern mit der Erwartung, zu sehen, wie mein Sohn und seine Freunde über sich hinausgewachsen sind und etwas vollbringen, das vor 5 Tagen noch unmöglich gewesen wäre.
Hinter den Kulissen nimmt man die Aufregung der kleinen Artisten, Akrobaten und Jongleure wahr. Die Handykameras sind gezückt, gleich kann es losgehen.
Und dann betreten Paula und Konrad die Manege. Bunt und lustig gekleidet, wie es sich für Clowns gehört: viel zu große Schleifen im Haar, eine aberwitzige Perücke auf dem Kopf, eine viel zu große Hose am Leib. Ihnen folgen vier weitere Clowns, die sich uns als “Pausenclowns” vorstellen und uns durch den Nachmittag führen werden.
Paula und Konrad sind Kinder, von denen niemand erwartet, dass sie die spektakulärsten Kunststücke des Nachmittags zeigen werden. Solche, von denen man auf den Zuschauerrängen weiß, dass sie nicht ganz oben auf der Menschenpyramide stehen, kopfüber am Reck schwingen oder eine Standwaage auf dem Drahtseil machen werden.
Und doch werden die beiden zu den Stars der Vorstellung.
Paula ist einen Kopf größer als der Rest der Truppe—zuckersüß und die heimliche Chefin. Sie eröffnet die Show mit Mikrofon in der Hand, macht Wortspiele, und obwohl man nicht jedes Wort versteht, ist ihre Stimme laut, klar und souverän.
Alles aus ihr spricht: Das hier ist genau mein Platz.
Konrad nimmt jedes Mal, wenn seine Clown-Kollegen die Manege für den nächsten Act verlassen, ein Bad in der Menge: halb knieend, beide Arme weit ausgestreckt, das Kinn stolz gehoben, um den Applaus zu empfangen.
Kein Zweifel daran, dass er hier richtig ist.
Kein Zweifel daran, dass er es verdient, gefeiert zu werden—einfach nur, weil es ihn gibt und er hier ist.
Wir haben gelernt, unseren Wert an unserer Leistung zu messen — und halten deshalb Erschöpfung manchmal für einen Beweis unserer Bedeutung.
Paula und Konrad sind Kinder, die nichts beweisen mussten. Die nicht die Mutigsten, Schnellsten oder Artistischsten waren. Und die trotzdem die Manege für sich eingenommen haben.
Sie haben die Menschen im Zirkuszelt durch ihr bloßes Sein berührt.
Wie hast du zuletzt gespürt, dass du nichts leisten musst, um genug zu sein?


