Heute ist Donnerstag, der 28. Mai und der Wetterbericht prophezeit 28°C für den Nachmittag. Das ist die perfekte Temperatur. Nicht nur, weil die 28 meine Lieblingszahl ist1, sondern weil das ideal ist, unsere große Balkontüre weit offen stehen zu lassen und so die Grenzen zwischen drinnen und draußen verschwimmen zu lassen.
Der Himmel ist blau, es weht ein leichter Wind, sodass die Blätter der Bäume und die weißen Vorhänge neben dem Fenster sich entspannt bewegen.
Als Ruhe eingekehrt ist, genieße diesen heiligsten Moment des Tages mit einer Tasse Kaffee in der Hand hier an dieser Grenze zwischen drinnen und draußen. Etwas später rolle ich ebenfalls genau dort meine Yogamatte aus, den Blick nach draußen auf unseren Ort und die Felder mit den sorgfältig gezogenen Weinbergsreihen dahinter.
Nach der zweiten Tasse Kaffee auf dem Balkon gehe ich die Treppe nach unten in den Garten zum Spielturm unserer Kinder in dessen unterem Stockwerk unsere Meerschweinchen leben. Ich werde ihnen jetzt eine Freude machen und sie in ihr Gehege auf der Wiese setzen, eines nach dem anderen. Ich beginne mit den beiden unerschrockenen, die sie in freudiger Erwartung einfach hochnehmen lassen und angele danach die beiden ängstlicheren aus ihren Verstecken in dem Wissen, dass sie es ebenfalls kaum erwarten können, den Rest des Tages damit zu verbringen, unseren Rasen in einem perfekten Rechteck zu abzumähen.
Ich entscheide mich nun für einen Spaziergang solange es noch kühl ist. Zuerst laufe ich über Beton, dann Schotter und komme schließlich auf dem Feldweg an, auf dem ich meine eigenen Fußabdrücke in der Erde entdecke, die ich dort in den vergangenen nassen Tagen hinterlassen habe. Sie verraten, dass ich fast jeden Tag hier bin. Der Untergrund wechselt wieder zu Beton, der verlockend glatt und warm aussieht, sodass ich meine Schuhe ausziehe und in meinem Rucksack verstaue. Ich schaue auf den Weg vor mir, um die Lücken zwischen den kleinen Steinchen zu finden, in die ich meine Füße setzen kann.
Das Barfußlaufen fordert angenehme Achtsamkeit von mir.
Als ich zurückkomme mache ich mir eine große Schüssel mit Müsli. Im Kühlschrank finde ich meine Portion Blaubeeren, die ich wohlweißlich dort gestern in einem unscheinbaren Gefäß ganz hinten und oben versteckt hatte und deshalb selbst fast vergessen hätte. Ich leere sie über die Flocken und Nüsse, setze mich auf einen der Barhocker am Tresen und strecke die Füße auf dem benachbarten Barhocker aus (was am Nachmittag wenn das Haus wieder voll ist, weder erlaubt noch möglich ist).
Die Kinder kommen nach Hause und fragen und stellen sehr wichtige Fragen – wer heute Abend einen von den zwei begehrten Netflix-Streaming-Spots bekommt und was es zum Abendessen geben wird. “Die, die gestern nicht dran waren und etwas Ekliges” sage ich schmunzelnd in dem Wissen, dass ich gleich Pizzateig vorbereite und mich am Abend dafür alle lieben werden. Die beiden Teenies rollen die Augen und ich drehe mich um, um mein Lachen zu verstecken. Während die fast 11-Jährige die Ironie erkennt und versucht mir mein Geheimnis zu entlocken ist der Kleine sauer, weil es ja “gestern schon was Ekliges gab!”.
Jeder verbringt den Nachmittag etwas anders.
Meine Töchter fahren mit den Rädern zum örtlichen Supermarkt und kaufen für das Klassenfest der jüngeren Erdbeeren, Blaubeeren und Wassermelone ein, die sie zu Hause kunstvoll auf Spieße stecken und in einem Container für den Transport verstauen.
Die Jungs spielen im Garten irgendein Spiel, das ich nicht verstehe. Sie verwenden dafür Stöcke und einen Gymnastikball. Es sieht nach irgendeinem Kampf zwischen Star Wars und Taekwondo aus. Sie sind sich jedenfalls einig, wann wer zu Boden gehen muss und somit als der Besiegte gilt. Der Große genießt seine haushohe Überlegenheit und gibt dem Kleinen oft genug das Gefühl einen Punkt gelandet zu haben, um motiviert zu bleiben.
Ich bin froh, dass sie sich haben.
Mein Mann kommt nach Hause, ich rufe zum Essen und alle sind sofort da, weil längst klar ist, was es heute gibt. Wir essen ohne Geschirr und Besteck.
Es sind immer noch 28 Grad, die Balkontüren stehen immer noch offen.
Der Tag hätte auch ganz anders laufen können.
Und er hatte auch anders begonnen: Ich war mit einem Vorhaben aufgewacht, etwas Großes zu vollbringen. Ich wollte über Vertrauen in uns selbst, unsere Mitmenschen und das Universum schreiben (ja, nichts weniger als das).
Ich wollte es auf den Punkt bringen.
Ich rang um Worte und mit mir selbst.
Und dann gab es diesen Moment, in dem ich wusste, ich würde dem Tag seinen Zauber nehmen, wenn ich daran festhielt.
Der einzige Weg dir selbst vertrauen zu lernen ist,
dich heute willkommen zu heißen, wie du bist.
Ich habe an einem Achtundzwanzigsten Geburtstag



